Stigma, Mythen und mentale Gesundheit

Shownotes

In dieser Folge gibt’s eine Premiere: Unser neuer Moderator Michael Sauer ist zum ersten Mal dabei.

Zu Gast ist Simon Tump, Psychologischer Psychotherapeut und leitender Psychologe der GFO Kliniken Südwestfalen. Gemeinsam sprechen sie darüber, warum psychische Erkrankungen zwar immer sichtbarer werden, sich viele Vorurteile und Missverständnisse aber trotzdem hartnäckig halten.

Wann wird Offenheit zur Chance, wann zur Verwässerung? Warum fällt es vielen Betroffenen noch immer schwer, Hilfe anzunehmen?
Simon Tump spricht über Stigmatisierung im Alltag, die Rolle sozialer Medien, darüber, was Psychotherapie leisten kann – und über verbreiteten Irrglauben. Ein ehrlicher Einblick in ein Thema, das uns alle betrifft.

Transkript anzeigen

00:00:11: Lebenslinien zwischen Kopf, Herz und Schicksal.

00:00:14: Der Podcast zur Gesundheit, Leben und Pflege.

00:00:18: Hallo zusammen!

00:00:19: Ich bin heute zu Gast bei Simon Tum, Leitender Psychologe in den GFU-Kliniken.

00:00:23: so das Twalen mit einem sehr spannenden Thema und zwar geht es um Missverständnisse, Vorurteile und allgemein die sogenannte Stigmatisierung vom psychischen Erkrankung.

00:00:33: Erst mal Simon vielen Dank dass du dir Zeit nimmst mit mir zu sprechen.

00:00:35: Ja sehr gerne.

00:00:37: Wir wollen direkt anfangen mit der Frage was heißt eigentlich Stigmatisierung konkret im Alltag?

00:00:42: In meiner Erfahrung heißt das für die Betroffenen, dass sie sich... Schämen, psychisch erkrankt zu sein oder in Therapie zu sein.

00:00:49: Also Behandlung in Anspruch zu nehmen.

00:00:51: Je nachdem, in welchem Umfeld sich die Menschen bewegen heißt das, dass wenn ihre psychische Erkrankung zur Sprache kommt, dass irgendwie im Kopf verbunden wird mit Schwäche- oder eine mangelnden Belastbarkeit.

00:01:05: Je Nachdem welche Erkrankung es ist kann es aber auch sogar sein, dass es assoziiert wird mit Verrücktsein oder dass irgendwas im Kopf nicht

00:01:12: stimmt.

00:01:13: Hat sich das in den letzten Jahren verändert?

00:01:15: Ist das schlimmer geworden oder hat es zugenommen?

00:01:18: Ich würde sagen, es hat eher abgenommen.

00:01:22: Also psychische Erkrankungen sind sichtbarer geworden und teilweise auch akzeptierter.

00:01:28: Meine Alltagsbeobachtung mit den Patientinnen und Patienten zusammen ist schon so, dass sie häufiger drüber sprechen können – und das ist öfter Thema – und dass es eher möglich ist, darüber zu sprechen.

00:01:38: Auf der anderen Seite ... habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich durch diese vermehrte Sichtbarkeit besonders in sozialen Medien... Das ganze Thema ein Stück weit verwässert und es wird ganz viel über psychische Erkrankungen gesprochen, ganz viel psychologisches oder therapeutisches Vokabular hat so Einzug in die Sprache gefunden.

00:01:57: Es wird ganz häufig von Traumatisierung und von Trigern gesprochen, von Nazismus, von toxischen Beziehungen usw.

00:02:06: Und das trägt dazu bei dass alles weniger stigmatisiert ist.

00:02:10: Es ist normalisiert aber ich sehe halt auch die Schwierigkeit Betroffen sind, in der Schwere ihres Leids auch teilweise nicht mehr ernst genommen werden.

00:02:20: Weil wenn man sich in den sozialen Medien umguckt hat halt jeder gerade eine schwere toxische Beziehung hinter sich und hat nur mit Narzisten zu tun.

00:02:28: und alles ist ganz belastend und traumatisierend und man wird ständig getriggert.

00:02:33: und durch diese vermehrte Nutzung des Vokabulars habe ich so die Erfahrung gemacht wird es häufig schwieriger dann ernst genommen zu werden.

00:02:42: Es ist nicht mehr so verrückt psychisch krank zu sein oder in Therapie zu sein, es ist irgendwie normal.

00:02:48: In

00:02:48: vielleicht auch?

00:02:49: Also ist das eine Modeerscheinung?

00:02:51: Ja könnte je nach dem Umfeld, den man sich bewegt schon so sein.

00:02:55: Das ist auch ein bisschen dazu gehört.

00:02:57: aber ich finde halt vor allem dass wirklich auch schwerere psychische Erkrankungen wie alle anderen Erkranken auch mit einem gewissen Schutzbedürfnis einhergehen und das fällt halt weg wenn das plötzlich jeder irgendwie hat.

00:03:09: Sprechen wir mal über Vorurteile.

00:03:11: Welche Vorurtheile in Bezug auf psychische Erkrankungen begegnen die am häufigsten?

00:03:16: Auch da ist es unterschiedlich, je nachdem mit wem man spricht.

00:03:19: Viele assoziieren das einfach so mit Schwäche und man hat's irgendwie nicht geschafft.

00:03:23: Man war stark genug um das Leben zu bewältigen.

00:03:25: Das ist ein Vorurteil auf das wir häufig treffen.

00:03:27: Dann gibt es eben noch diesen zweiten Bereich.

00:03:29: Das sind häufig gerade ältere Menschen die die ganze Psycho-Psychiatrie, das ganze Thema mit Verrücktsein irgendwie noch verbinden.

00:03:37: Dass man wieder nicht mehr richtig zurechnungsfähig ist oder so.

00:03:41: Aber was ich eigentlich... am meisten mit dem PatientInnen zusammen erfahre, dass eine Unsicherheit herrscht und eine Ahnungslosigkeit sage ich jetzt mal.

00:03:50: Und das ist ja kein unbedingtes Vorurteil sondern das ist einfach gar keinen Urteil weil ich keine Ahnung habe.

00:03:56: Ja und dann erfahren die Betroffenen, dass die Menschen sich zurückziehen und erleben es als Ablehnung.

00:04:01: aber wenn wir in der Therapie daran arbeiten und sagen hey sprechen sie doch einfach mal mit diesen Menschen die sich so von ihnen zurückgezogen haben trauen Sie sich mal das anzusprechen finden wir meistens eine Unsicherheit, die auf echter Anungslosigkeit basiert und nicht auf vielen schlimmen Vorurteilen.

00:04:17: Welche Rolle spielt

00:04:18: Sprache dabei?

00:04:20: Die Sprache ist natürlich ganz wichtig weil man der ganzen Stigmatisierung und den Vorurteilungen und der Unsicherkeit eigentlich nur damit begegnen kann indem man drüber spricht.

00:04:28: ja ich ermutige immer alle möglichst viel darüber zu sprechen.

00:04:32: Natürlich wohl überlegt, an den Stellen wo man sich wohl und sicher fühlt und wo man denkt okay das kann ich jetzt machen da sind die Leute auf meiner Seite.

00:04:40: Und wie man dann drüber spricht finde Ich auch sehr wichtig, aber erst mal zweitrangig.

00:04:45: Wenn ich anfange zu sehr Sprachpolizei zu spielen und zu sagen ja das sagt man so und das darf man nicht sagen zumindest in dem Kontext in dem Ich unterwegs bin finde ich das sehr schwierig und habe dann den Eindruck dass die Menschen eher dazu neigen nicht zu sprechen weil sie es ja falsch machen könnten.

00:05:01: das sprechen und ganz unter dem Strich ist natürlich wichtig welche Worte man wählt.

00:05:06: also ob ich jetzt sage Ich bin psychisch krank, ich habe eine psychische Erkrankung.

00:05:12: Schon ein Unterschied finde ich, ne?

00:05:14: Gerade wenn ich mit Menschen mit Suchterkrankungen arbeite ob die jetzt sagen ich bin Alkoholiker oder ob sie sagen ich hatte eine lange Phase mit viel zu viel Alkohl wie Sie das in Worte packen Das muss im Prinzip jeder Mensch selber entscheiden.

00:05:27: aber naja man muss sich halt bewusst Gedanken machen Wie sage ich dass was bringe ich dann dabei rüber?

00:05:34: Aber das wichtigste ist irgendwie eine Sprache zu finden.

00:05:37: Welche Missverständnisse in Bezug auf psychische Erkrankungen halten sich besonders hartnäckig?

00:05:41: Kennst du sowas?

00:05:42: Ja, ich glaube schon.

00:05:43: Dass viele Menschen wirklich das denken, was ich gerade schon mal so ähnlich gesagt habe... dass es was ist, von Nichtschaffen.

00:05:48: Etwas nicht geschafft haben und das Leben nicht bewältigen können.

00:05:51: Das erlebe ich als höfiges Missverständnis.

00:05:54: Dann glaube ich, dass viele Menschen denken, dass man die einzelnen psychischen Erkrankungen so sehr miteinander vergleichen kann.

00:06:00: Also das ist eine Erfahrung, die wir häufig machen, dass dann Patienten selber zum Beispiel auch sagen... Mein Nachbar hat ja noch zwei Kinder mehr und der hat einen viel stressigeren Job.

00:06:08: Warum habe ich denn jetzt eine Depression?

00:06:10: Und der nicht!

00:06:11: Diese Vergleichbarkeit ist einfach nicht gegeben weil es liegt ja nicht in der Regel an den zwei oder drei, vier Kindern.

00:06:18: Oder an dem Job oder nicht Job.

00:06:19: Es ist ein komplexes Zusammenspiel von ganz vielen Faktoren wie eine psychische Erkrankung entsteht.

00:06:25: Das ist so vielschichtig wenn ich versuche die Erkrankung von einem Menschen zu erklären was da vielleicht frühe Erfahrungen für eine Rolle spielen?

00:06:33: Was Genetik spielt?

00:06:34: Was körperliche Erkränkungen spielen?

00:06:36: Die aktuelle Belastung und Persönlichkeit sind tausend Faktoren, die da rein spielen.

00:06:41: Man kann nicht einfach zwei Leute nebeneinander stellen der jetzt die Erkrankung und der nicht.

00:06:45: Das passiert aber im Alltag tatsächlich immer wieder, also das dann so gesagt wird so ja aber warum?

00:06:51: Warum der jetzt irgendwie eine Depression hat?

00:06:53: eigentlich hat er es doch entspannt oder eigentlich geht's dem doch gut oder so.

00:06:57: Und dass ist vielleicht sogar wirklich das häufigste Missverständnis wo drüber ich so stolperin.

00:07:02: in Bezug auf psychische Erkankungen Und in Bezug auf Therapie gibt es auch viele.

00:07:09: Na ja, also erst mal wenn ich jetzt als Psychologe-Psychotherapeut irgendwo hingehe dann gibts immer spannende Reaktionen.

00:07:15: Wenn die Menschen erfahren was ich für ein Beruf habe Dann sagen viele so Ja kannst du jetzt meine Gedanken lesen?

00:07:21: Nein Oder oh jetzt muss ich ja aufpassen was ich sage.

00:07:26: Oder die Leute finden das ganz spannend und sagen, das ist aber interessant.

00:07:30: Und kriegen direkt so eine große Neugier ... Was damit zu tun?

00:07:34: Wie ist das in der Psychiatrie?

00:07:35: Ist das wirklich wie in den Horrorfilmen?

00:07:38: Die Psychiatie ist ja an Ort and Setting, in dem viele gruselige Filme stattfinden.

00:07:43: Das ist das, wo Psychiatri in den Medien sehr präsent ist.

00:07:47: Ich glaube noch deutlich mehr Leute einen Horrorfilm, der in einer Psychiatriesstadt findet gesehen als eine gute Doku über eine Psychiaterie.

00:07:56: Auch diese Idee, ich gehe zur Therapie und dann geht es auf jeden Fall um meine Mutter.

00:08:00: Das muss gar nicht so sein!

00:08:02: Es gibt auch psychische Erkrankungen, wo nicht die Mutterschuld ist... Und dass in der Therapie, in den Therapiesprächen irgendein großer magischer Prozess passiert aber eigentliche Veränderung passiert ja dazwischen.

00:08:13: Das ist auch ein Missverständnis, was mir hoffentlich begegnet.

00:08:16: Weil die Menschen dann kommen und es erwarten, dass da in diesen Einzelsitzungen irgendwas ganz Krasses passiert.

00:08:21: Und manchmal passiert natürlich auch etwas Krasses.

00:08:22: aber eigentlich ist das eher so, dass man sich Schritt für Schritt durch Themen durcharbeitet und die Veränderung im Leben kommt dann zwischen den Sitzungen nicht im Einzelgespräch.

00:08:32: Dieses ganze Thema Stigmatisierung oder missverständnisvorteile hat

00:08:35: das Auswirkungen auf dem Krankheitsverlauf?

00:08:38: Ja!

00:08:39: Das erlebe ich schon so.

00:08:41: Erst mal in der Frage, ob Menschen aus Angst vor dieser Stigmatisierung überhaupt Therapienanspruch nehmen?

00:08:48: Also es gibt ganz viele Menschen mit psychischen Erkrankungen die gar nicht erst auf die Idee kommen oder beziehungsweise diese Idee nicht umsetzen sich Unterstützung zu holen.

00:08:56: dann nimmt das natürlich.

00:08:57: wenn man keine Behandlung bekommt nimmt die Stigmatisierung schon gravierenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf.

00:09:03: aber selbst wenn Selbst wenn wir in der Therapie sind, spielt es auch häufig noch eine Rolle.

00:09:08: Themen wie dürfen die Leute wissen dass ich psychisch erkrankt bin?

00:09:11: Dürfen sie wissen das ich in Therapie bin gerade wir in den Klinik Das bedeutet ja immer so eine stationäre Behandlung großen Einschnitt ins Leben.

00:09:19: Die Leute sind dann weg für eine gewisse Zeit und auch länger als man normalerweise im Krankenhaus sein würde, wenn man jetzt eine körperliche Erkrankung hätte.

00:09:26: Und das ist ganz oft Thema.

00:09:28: Jetzt komme ich wieder in meinen Wochenende nach Hause oder kommen wieder nach Hause um.

00:09:31: meine Nachbarn sehen mich und fragen wo ich war oder ich gehe wieder arbeiten und werde angesprochen.

00:09:37: Das frisst unglaublich viele Ressourcen in der Therapie.

00:09:42: damit umzugehen mit dem Echo der Umwelt umzugehnen oder mit dem erwarteten Echo nur.

00:09:46: Da sprechen wir ziemlich viel darüber.

00:09:49: total in Ordnung und normal unser Lohnfähig wäre, dann müssten wir das gar nicht.

00:09:54: Dann könnten wir viel intensiver an den eigentlichen Problemen arbeiten wenn wir uns nicht ständig damit beschäftigen würden.

00:09:59: was ist denn jetzt die Reaktion der Umwelt auf meine Erkrankung?

00:10:03: Es gibt ja immer wieder Leute sagen ja Therapie bringt eigentlich nichts.

00:10:06: wie reagierst du auch

00:10:07: sowas?

00:10:08: Der studierte Psychologe der muss dann sagen einfach weiss auf Wegsamkeitsstudien also die gibt es ja.

00:10:14: also die Wegsamkeit vom psychotherapies sehr gut belegt.

00:10:18: Und auf der anderen Seite würde ich aber auch erst mal ernst nehmen, wenn jemand zum Beispiel sagt mir hat das nichts gebracht.

00:10:24: Wenn man es bei Google eingibt wie wirksam ist Psychotherapie dann kann man ganz schnell mit Hilfe von KI da hinkommen dass das ungefähr in achtzig Prozent der Fälle eine Verbesserung des Gesundheitszustandes mit sich bringt.

00:10:34: und das stimmt auch.

00:10:35: also.

00:10:35: nur da gibt es wirklich belastbare Studien zu und das bestätigt auch unsere Alltagsbeobachtung.

00:10:40: Und wenn ich jetzt überlege, ich hatte eine körperliche Erkrankung und mein Arzt bietet mir an, ey, ich habe eine Therapie für dich in der Behandlung.

00:10:46: Die hilft bei achtzig Prozent der Leute!

00:10:48: Dann würde ich sagen ja super mache ich doch sofort ne?

00:10:51: Und trotzdem würde jeder Fünfte sagen das hat mich nicht geholfen.

00:10:55: Also wenn man das mal umgekehrt betrachtet und das kann auch einfach sein dass meine Therapie macht und dann vielleicht aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter kommt ne?

00:11:05: Eine Psychotherapie Dauert eine gewisse Zeit.

00:11:08: Parallel passiert auch noch mehr im Leben, können noch andere Dinge hinzukommen.

00:11:12: Es können Sachen nicht klappen.

00:11:14: Ich würde jetzt niemandem sagen, das ist Blödsinn!

00:11:16: Du hast irgendwas falsch gemacht?

00:11:17: Das stimmt nicht.

00:11:18: Es kann gut sein und trotzdem würde ich jeden ermutigen es zu versuchen eben weil die Erfolgsquote doch ziemlich hoch ist.

00:11:26: Und vielleicht von Anfang an drüber nachzudenken was heißt denn jetzt?

00:11:30: das bringt nichts oder das bringt mir was.

00:11:32: also wo möchte ich hin?

00:11:37: oder bei einer Grippe, ich will das dieser blöde Husten aufhört.

00:11:40: Bei psychischen Erkrankungen ist es doch ein bisschen komplexer.

00:11:42: Ich will eigentlich dass meine Symptome aufhören, meine Ängste oder meine Antriebsstörung.

00:11:47: aber häufig wünschen sich die Menschen ja auch noch weitere Veränderungen im ihrem Leben bzw sind notwendig damit die Erkrankung überhaupt gut therapiert werden kann.

00:11:56: und da ist die Frage nach dem Ergebnis der Therapie eine viel komplexere Wenn man vorher schon überlegen muss, wo wollen wir eigentlich hin?

00:12:03: Was soll eigentlich passieren?

00:12:04: und wann würden wir denn sagen das war jetzt ein Erfolg.

00:12:07: Das hat jetzt gut geklappt.

00:12:08: Ist das was

00:12:09: konkret gefragt wird auch im Rahmen der Therapie?

00:12:12: Ja ja die aller allermeisten Therapie vor dem Arbeiten schon damit eine klare Zielsetzung zu haben.

00:12:18: Was soll passieren?

00:12:19: Woran würden wir merken dass das geklappt hat?

00:12:22: Welche Maßnahmen verfolgen wir?

00:12:24: Das ist auch diese Transparenz in der Therapie finde ich persönlich sehr wichtig.

00:12:29: Würde ich mir auch wünschen, wenn ich mich so ein Prozess begebe das mit mir ganz klar abgesprochen wird eine Routenplanung.

00:12:35: Da wollen wir hin und das sind die Methoden, die wir anwenden damit ich nicht zum Psychotherapeutin gehe und denke was macht er jetzt hier mit mir und was passiert eigentlich sondern dass ich selbst als betroffener Mensch einen Überblick über diesen Prozess habe.

00:12:48: Also da arbeiten wir ganz viel mit Zielsetzungen und Abfragen.

00:12:51: Es gibt sogar verschiedene Tools, womit man auch schriftlich so zielerreichungsgalen abbilden kann.

00:12:56: wieviel haben wir schon geschafft?

00:12:57: Wie viele Prozent von unserem Fortschritt?

00:12:59: Da arbeiten auch viele Kolleginnen mit.

00:13:01: das ist sehr wichtig.

00:13:03: Soziale Medien welchen Einfluss haben die auf dieses ganze Thema?

00:13:07: Missverständnisse vor Urteile?

00:13:10: Das ist ja am Anfang schon mal einmal angesprochen dass jetzt quasi eine Modeerkrankung jeder irgendwas hat.

00:13:16: Macht das die Arbeit einfacher oder schwerer?

00:13:20: Meine Arbeit, die verändert sich dadurch.

00:13:22: Weil Menschen natürlich schon viel mehr mit eigenen Hypothesen in die Therapie kommen.

00:13:26: Die haben schon eine Idee was es so sein könnte und sind vielleicht auch informierter als das möglicherweise noch vor zehn, fünfzehn Jahren der Fall war.

00:13:35: Ob die Informationen dann jetzt gut und richtig und valide und passend sind?

00:13:39: Das sei mal dahingestellt.

00:13:40: D.h.,

00:13:41: dass macht die Arbeit an manchen Stellen leichter oder schwerer.

00:13:45: Und genauso geht es den Betroffenen selber auch.

00:13:48: Es gibt viel mehr Material, ganz leicht verfügbar und auch verständlich.

00:13:54: Also Sachbücher gibt's schon lange.

00:13:56: aber dass da jetzt jemand sitzt der vielleicht vielleicht das gleiche hat wie ich und er ganz viel drüber erzählt in den buntesten Farben mir das begreiflich macht Das ist ja sehr verfügba.

00:14:06: Und es ist irgendwie gut dass es das gibt damit ich auch mal so gucken kann Der Mensch ist ein soziales Wesen und wir vergleichen uns und dann kann ich mal schauen Wie gehts dem?

00:14:14: Geht's mir auch so.

00:14:16: Auf der anderen Seite macht es das komplizierter, weil das ein unglaublicher Wust an Informationen ist und weil teilweise da auch Jetzt will ich es nicht zu negativ formulieren, aber auch psychische Erkrankungen.

00:14:27: Man hat hinterher das Gefühl als hätte der Mensch da gerade fast mit geworben sozusagen jetzt.

00:14:31: Also wenn du ADHS hast dann geht es dir so und so... Dann sitzen die Menschen davor und denken ja genau!

00:14:40: Da entsteht manchmal auch eine Dynamik wo ich denke diese ist vielleicht doch nicht so günstig dass sich da jetzt auch Menschen angesprochen fühlen die vielleicht eben gar nicht dieses Problem haben.

00:14:48: Die rennen jetzt total in die falsche Richtung.

00:14:50: Und eben das zweite Problem, was ich ja vorhin auch schon mal angesprochen hatte ist für mich die Verwässerung.

00:14:55: Also wenn da jetzt jeder Tiktokstar jede Beziehung ist toxisch, jeder Ex-Partner ist ein Nazist alle sind irgendwie traumatisiert.

00:15:02: und ich finde dass nicht gut für die Menschen, die im klassischen, therapeutisch medizinischen Sinne wirklich traumatisiert sind und wirklich von Dingen getriggert werden, dass da dann fünfzehn Leute direkt sagen Genau, das kenne ich auch.

00:15:17: Das hab' ich auch und das merken wir manchmal sogar in den Gruppentherapien, dass man dann noch mal sagen muss ja okay stopp ... Nee!

00:15:25: Wir müssen das hier eben einordnen.

00:15:27: was heißt denn überhaupt Trauma?

00:15:28: Was heißt denn Trigger und so?

00:15:31: Schwierige ehemalige Beziehungen haben ganz viele Menschen die sind nicht alle traumatisiert Und die dies aber sind.

00:15:38: für dieses finde ich ganz wichtig Dass es anerkannt wird und gesehen wird und diese Verwässerung macht es oft nicht leichter

00:15:44: Vorurteile.

00:15:45: Gibt es was, was du an Vorurteilungen am liebsten direkt abschaffen würdest?

00:15:52: Also ich glaube so... Was ich gerade schon gesagt habe dieses Vorurtail dieser Wenn Menschen in Therapie kommen was die dann erwarten oder glauben was passieren könnte dass man dann so einen Knotenpunkt findet.

00:16:02: jetzt haben wir den Kern gefunden das eine Problem und wenn wir da jetzt ne supertherapeutische Technik anwenden, dann hat sich alles aufgelöst.

00:16:10: Das ist etwas was glaube ich unsere Arbeit sehr viel leichter machen würde, wenn die Menschen wüssten dass das in aller aller Regel nicht so ist.

00:16:16: Dass wir in der Therapie irgendeinen ganz krassen Knotenpunkt finden, der nur aufzulösen ist und dann ist alles gut.

00:16:23: Und das ist häufig auch ne Enttäuschung für die Menschen die kommen, die sagen ach manne... Sie würden so ein bisschen in meiner Psyche rumsuchen und würden dann den Knackpunkt finden, und dann lösen wir das irgendwie.

00:16:36: Das ist so selten!

00:16:37: Und es wäre eigentlich schön wenn diese Hoffnung von Anfang an nicht so groß wäre, weil wir dann realistische Anhyterapieprozesse starten können.

00:16:45: Wenn man das

00:16:45: gerade angesprochen hast sagen auch Leute ja dann ist der Therapeut schuldwenn's nicht funktioniert auf Anhieb?

00:16:51: Es gibt auf jeden Fall leider... kommt sogar häufiger vor, dass sie sich selbst die Schuld geben.

00:16:57: Weil viele Menschen mit denen wir arbeiten einfach an einer Depression erkrankt sind.

00:17:01: das ist so die häufigste Erkrankung mit der wir es eigentlich zu tun haben und im Rahmen von der Depression neigen Menschen so ohnehin dazu Die Schuld bei sich zu suchen, zu sagen da hab ich was nicht richtig gemacht.

00:17:13: Das ist deutlich häufiger.

00:17:14: aber gerade im stationären Umfeld also in der Klinik erleben wir das auch dass so gesagt wird Mann warum habt ihr mir nicht geholfen?

00:17:23: Ich glaube das hat aber etwas mit der Investition zu tun die man sozusagen subjektiv tätigt wenn man sich ins Krankenhaus begibt.

00:17:30: wenn man sagt ich gehe jetzt für vier oder sechs Wochen Ganz raus aus meinem Leben.

00:17:36: Und das ist ja eine Rieseninvestition eigentlich, zu sagen ich lasse ganz viel jetzt hinter mir und riskiere vielleicht auch was?

00:17:43: Ich weiß nicht genau.

00:17:44: wie reagiert meine Partnerschaft mein Arbeitgeber Mein Nachbar und so weiter da drauf?

00:17:49: Dann sind die Erwartungen auch häufig nachvollziehbar hoch und wenn es dann mal Nicht so gut geworden ist Wie sich dass die Menschen vorher gewünscht hätten dann gibt's auch schon Mal Ärger und Schuldzuweisung aber Gott sei Dank nicht so häufig.

00:18:03: Du hast gerade mal gesagt, Therapeuten können keine Gedanken lesen.

00:18:07: Aber vielleicht kannst du ein bisschen in die Glaskuhle gucken?

00:18:10: Was wünschst du dir im Bezug auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen so in den nächsten zehn Jahren?

00:18:16: Gibt es da einen großen Wunsch, wo du sagst,

00:18:18: das wär toll, weil er schaffen könnte?

00:18:20: Ja also es gäbe auf jeden Fall den Wunscht wenn wir da offener drüber sprechen könnten und ist mehr... ja da sind wir wieder an einem Punkt ne?

00:18:28: Also mehr valide Informationen gäbe.

00:18:30: Es gibt ganz viel!

00:18:32: Aber weil ja halt auch jetzt im Internet immer jeder laut werden kann, gibt es ganz viel.

00:18:36: Wenn wir mehr valide Informationen für die Menschen hätten und darüber sprechen könnten ist auch so ein bisschen integrierbarer in den Alltag wäre.

00:18:43: Das wär toll!

00:18:44: Also wenn man ohne Bedenken beim Arbeitgeber sagen könnte du ich muss einmal die Woche ein bisschen früher weg?

00:18:50: Ich hab da einen Termin bei meinem Psychotherapeuten.

00:18:52: Es gibt viele Arbeitgebern bei denen geht das schon Gott sei Dank, das ist ja auch völlig richtig so.

00:18:57: Das wäre schon toll finde ich.

00:18:59: Aber dann kommen wir an den zweiten Punkt.

00:19:01: Es gibt nicht so viele Leute, die einmal die Woche zu ihrem Psychotherapeuten gehen können weil es dafür nicht genug niedergelassene Psychotherapeuten mit Kassen-Sitz gibt und das wäre auch was man sich ja wünschen würde oder was ich mir wünscht in zehn Jahren anders sein könnte wäre die Verfügbarkeit von Psychotherapie besonders im ambulanten Setting also in

00:19:22: der Praxis.

00:19:24: Ich glaube, da haben wir jetzt gerade noch mal einen großen Schritt nach hinten gemacht in dem ja die Honorare der Psychotherapeuten so gekürzt wurden.

00:19:31: Eigentlich müsste es in die andere Richtung gehen weil das ja auch aus wirtschaftlicher Sicht viel klüger wird wäre ambulante Psychotherapie ist keine teure Maßnahme.

00:19:40: Teuer ist, wenn die Leute so lange unbehandelt bleiben bis sie in die Klinik müssen und dann direkt mehrere Wochen ausfallen.

00:19:46: also eine stationäre Behandlung für die Krankenkassen umgleich teurer.

00:19:49: Also das wäre auch mein Wunsch dass wir da eine Versorgungsmöglichkeit haben, eine Flexibilisierung.

00:19:55: Da arbeiten wir ja schon aktiv dran mitmöglichst flexibel zu behandeln, mit Kombinationen von stationären und teilstationeren tagesklinischen Behandlungen.

00:20:04: Aber das geht natürlich nicht ohne die Politik.

00:20:07: Ja, spannendes Thema finde ich auch!

00:20:09: Vielen Dank

00:20:10: dass ihr jetzt halt genommen hast.

00:20:11: Ich find's super und ja vielen dank gerne.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.